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Vertebroplastie und Kyphoplastie -
Heilversprechen oder Presserummel?

von
Professor Dr. med. Helmut W. Minne,
Klinik DER FÜRSTENHOF,
Am Hylligen Born 7, 31812 Bad Pyrmont

Angesichts der Tatsache, dass man bei der Osteoporose sowieso nichts machen könne, sei es ein Segen für die Patienten, dass jetzt endlich eine neue Therapie für sie erfunden sei, die Vertebroplastie oder auch Kyphoplastie.

Mit Hilfe von Einspritzungen von Knochenzement in durch Bruch verformte Wirbelkörper sollen diese wieder aufgerichtet werden, um damit die Bruchfolgen quasi wieder rückgängig zu machen, also den Bruch ungeschehen zu machen.

So, oder so ähnlich lasen es während der vergangenen Monate die Patienten in Journalen und Gazetten. Eifrig hatten Kliniken und auch einzelne Kliniker die Presse darüber informiert, dass sie nun endlich die Patienten mit Osteoporose als Klientel entdeckt hätten und auch gleich eine zauberhafte Therapie zur Verfügung stellen könnten, denn, siehe oben, in der Vergangenheit und ohne sie, die Kliniken und Kliniker hätte man ja nichts machen können bei den Patienten mit osteoporotischen Wirbelbrüchen.

Und weil das so dargestellt wird, sollen im Folgenden einige Hintergrundinformationen zur Vertebroplastie und Kyphoplastie in die Journale kommen.

Vor einigen Monaten wars, da saß in meinem Büro ein jung dynamisch wirkender Vertreter des Unternehmens, das eines der Bestecke vertreibt, die bei Vertebro- oder Kyphoplastie einzusetzen sind. Er war erschienen, weil sein Unternehmen ihm eine Liste der Leute in die Hand gedrückt hatte, von denen man annahm, dass sie im Lande als Meinungsbildner in Sachen Osteoporose einzustufen seien.

Mit gedämpfter Euphorie stellte er dies neue amerikanische Therapieverfahren vor, das zukünftig segensreich Heilung über gequälte Osteoporosepatienten auch in Deutschland ausgießen solle.

Problematisch war dabei jedoch, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen  zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Vertebro- und Kyphoplastie bisher spärlich sind (siehe unten) und dass es daher  sinnvoll erscheint, die noch offenen Fragen im Rahmen derartiger Untersuchungen zu prüfen, um sie dann anhand der Ergebnisse zu beantworten.

Das Gespräch endete in Harmonie, fand jedoch keine Fortsetzung. Die Fortsetzung der Geschichte war aus der Presse zu entnehmen (s.o.)

Hierzu ist folgendes festzustellen:

Von Medikamenten und Hilfsmitteln für die Therapie wird heutzutage gefordert, dass ihre Wirksamkeit im Rahmen  prospektiver kontrollierter Studien bewiesen wird. Dies schließt nicht nur das Studium kurzzeitiger Effekte ein, sondern soll auch Aufschluss über langfristige Veränderungen geben können. Dabei muss die Wirkung bei den Behandelten im Vergleich zu unbehandelten Personen überprüft werden, oder im Vergleich zu Personen, bei denen andere Behandlungswege eingeschlagen wurden. Die entsprechenden Studien müssen in einer Weise geplant und durchgeführt werden, dass die Ergebnisse auch im Hinblick auf ihre Zuverlässigkeit modernen Ansprüchen gerecht werden. Es müssen also die Behandlungsziele vor Beginn der Studie festgelegt werden und auch die Instrumente bestimmt werden, die bei der Überprüfung der Erreichbarkeit dieser Behandlungsziele eingesetzt werden sollen. Wenn zum Beispiel eine Behandlungsmaßnahme dazu dienen soll, die Schmerzen zu lindern, so muss mit Hilfe standardisierter Erhebungsarten (Instrumente) untersucht werden, ob überhaupt Schmerzlinderung erreicht wird, welches Ausmaß diese Linderung hat und wie lange sie anhält.

Die Ergebnisse derartig kontrollierter Studien liegen bisher für Vertebro- oder Kyphoplastie nicht vor, sind bisher nicht im wissenschaftlichen Schrifttum veröffentlicht worden. So lange dieses so ist, hat dieses Behandlungsverfahren als unsicher zu gelten. Dies ist um so schwerwiegender, als derartige Studien durchaus  durchführbar  wären. Sucht man nach Gründen dafür, warum derartige Untersuchungen noch nicht durchgeführt wurden, so findet man keine, es sei denn, man wollte unterstellen, es gäbe  wirtschaftliche Gründe: derartige Studien kosten nämlich Geld, während der unmittelbar einsetzende Handel mit Behandlungsmethoden Geld verdienen lässt.

Sinn von Therapiestudien ist jedoch auch, unerwünschte Nebenwirkungen oder Spätkomplikationsmöglichkeiten darzustellen, so es sie denn gibt. Nachdem bis heute wirksame Behandlungsmaßnahmen noch nicht gefunden wurden, die gänzlich ohne unerwünschte Nebenwirkungen oder Spätkomplikationen bleiben, wird zu Recht gefordert, dass derartiges untersucht wird, bevor ein neues Behandlungsverfahren breit und unter Routinebedingungen eingesetzt wird. Und es bedarf keiner großen Fantasie, sich derartige Behandlungsfolgen einfallen zu lassen.

Hier nur ein Beispiel: Wenn bei einem Patienten mit Osteoporose ein Wirbel brach, dann geschah dieses weil der Wirbel seine Festigkeit durch Verlust an Knochensubstanz verlor. Dabei ist davon auszugehen, dass die Nachbarwirbel grundsätzlich in gleicher Weise vorgeschädigt sind. Knochenzement ist nach Aushärtung weitgehend unelastisch.

Hierdurch werden die biomechanischen Verhältnisse in der Region des behandelten Wirbels geändert und es ist vorstellbar, dass hierdurch die Nachbarwirbel noch leichter brechen könnten als sie es ohnehin schon können. Nachdem grundsätzlich nach Wirbelbruch das Risiko weiterer Brüche angehoben ist, lässt sich, wenn dergestalt ein weiterer Wirbel bricht, nicht unterscheiden, ob dieses Krankheitsfolge oder Behandlungsfolge ist.

Nun soll keineswegs in Abrede gestellt werden, dass eine Vertebro- oder Kyphoplastie bei einzelnen Patienten segensreich sein könnte. Nur, legt man moderne Richtlinien der Prüfung von Wirkungen und Nebenwirkungen zugrunde, so muss dieses noch als ungesichert eingestuft werden.

Besonders verärgert bei den Bemühungen der Anbieter dieser Methoden, dieselben per Pressemitteilung in die Öffentlichkeit zu bringen, also quasi auf den Marktplatz der Behandlungsverfahren zu tragen, besonders, wenn diese Mitteilungen mit der Aussage verknüpft werden, bisher habe man die Osteoporose nicht behandeln können und hier stünde erstmals eine wirksame Therapie zur Verfügung.

Dies ist falsch, denn gerade während der vergangenen zehn Jahre sind große Fortschritte bei der Behandlung der Osteoporose möglich geworden. Es ist zu hoffen, dass mit den Verfahren der Vertebro- oder Kyphoplastie das Behandlungsarsenal zukünftig erweitert werden kann. Bevor dies jedoch der Fall sein kann, müssen diejenigen, die diese Verfahren zur Anwendung bringen wollen, zunächst ihre Hausaufgaben machen und wissenschaftlich untermauern, was sie heute schon hoffen. Sonst müssen sie es sich gefallen lassen, dass die Seriosität ihres Angebotes zur Diskussion gestellt wird.