Vertebroplastie und Kyphoplastie - Heilversprechen oder Presserummel?
Angesichts der Tatsache, dass man bei der Osteoporose sowieso nichts machen
könne, sei es ein Segen für die Patienten, dass jetzt endlich eine neue Therapie
für sie erfunden sei, die Vertebroplastie oder auch Kyphoplastie.
Mit Hilfe von Einspritzungen von Knochenzement in durch Bruch verformte Wirbelkörper
sollen diese wieder aufgerichtet werden, um damit die Bruchfolgen quasi wieder
rückgängig zu machen, also den Bruch ungeschehen zu machen.
So, oder so ähnlich lasen es während der vergangenen Monate die Patienten
in Journalen und Gazetten. Eifrig hatten Kliniken und auch einzelne Kliniker
die Presse darüber informiert, dass sie nun endlich die Patienten mit Osteoporose
als Klientel entdeckt hätten und auch gleich eine zauberhafte Therapie zur
Verfügung stellen könnten, denn, siehe oben, in der Vergangenheit und ohne
sie, die Kliniken und Kliniker hätte man ja nichts machen können bei den
Patienten mit osteoporotischen Wirbelbrüchen.
Und weil das so dargestellt wird, sollen im Folgenden einige Hintergrundinformationen
zur Vertebroplastie und Kyphoplastie in die Journale kommen.
Vor einigen Monaten wars, da saß in meinem Büro ein jung dynamisch wirkender
Vertreter des Unternehmens, das eines der Bestecke vertreibt, die bei Vertebro-
oder Kyphoplastie einzusetzen sind. Er war erschienen, weil sein Unternehmen
ihm eine Liste der Leute in die Hand gedrückt hatte, von denen man annahm,
dass sie im Lande als Meinungsbildner in Sachen Osteoporose einzustufen seien.
Mit gedämpfter Euphorie stellte er dies neue amerikanische Therapieverfahren
vor, das zukünftig segensreich Heilung über gequälte Osteoporosepatienten
auch in Deutschland ausgießen solle.
Problematisch war dabei jedoch, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen
zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Vertebro- und Kyphoplastie bisher spärlich
sind (siehe unten) und dass es daher sinnvoll erscheint, die noch offenen
Fragen im Rahmen derartiger Untersuchungen zu prüfen, um sie dann anhand
der Ergebnisse zu beantworten.
Das Gespräch endete in Harmonie, fand jedoch keine Fortsetzung. Die Fortsetzung
der Geschichte war aus der Presse zu entnehmen (s.o.)
Hierzu ist folgendes festzustellen:
Von Medikamenten und Hilfsmitteln für die Therapie wird heutzutage gefordert,
dass ihre Wirksamkeit im Rahmen prospektiver kontrollierter Studien bewiesen
wird. Dies schließt nicht nur das Studium kurzzeitiger Effekte ein, sondern
soll auch Aufschluss über langfristige Veränderungen geben können. Dabei
muss die Wirkung bei den Behandelten im Vergleich zu unbehandelten Personen
überprüft werden, oder im Vergleich zu Personen, bei denen andere Behandlungswege
eingeschlagen wurden. Die entsprechenden Studien müssen in einer Weise geplant
und durchgeführt werden, dass die Ergebnisse auch im Hinblick auf ihre Zuverlässigkeit
modernen Ansprüchen gerecht werden. Es müssen also die Behandlungsziele vor
Beginn der Studie festgelegt werden und auch die Instrumente bestimmt werden,
die bei der Überprüfung der Erreichbarkeit dieser Behandlungsziele eingesetzt
werden sollen. Wenn zum Beispiel eine Behandlungsmaßnahme dazu dienen soll,
die Schmerzen zu lindern, so muss mit Hilfe standardisierter Erhebungsarten
(Instrumente) untersucht werden, ob überhaupt Schmerzlinderung erreicht wird,
welches Ausmaß diese Linderung hat und wie lange sie anhält.
Die Ergebnisse derartig kontrollierter Studien liegen bisher für Vertebro-
oder Kyphoplastie nicht vor, sind bisher nicht im wissenschaftlichen Schrifttum
veröffentlicht worden. So lange dieses so ist, hat dieses Behandlungsverfahren
als unsicher zu gelten. Dies ist um so schwerwiegender, als derartige Studien
durchaus durchführbar wären. Sucht man nach Gründen dafür, warum derartige
Untersuchungen noch nicht durchgeführt wurden, so findet man keine, es sei
denn, man wollte unterstellen, es gäbe wirtschaftliche Gründe: derartige
Studien kosten nämlich Geld, während der unmittelbar einsetzende Handel mit
Behandlungsmethoden Geld verdienen lässt.
Sinn von Therapiestudien ist jedoch auch, unerwünschte Nebenwirkungen oder
Spätkomplikationsmöglichkeiten darzustellen, so es sie denn gibt. Nachdem
bis heute wirksame Behandlungsmaßnahmen noch nicht gefunden wurden, die gänzlich
ohne unerwünschte Nebenwirkungen oder Spätkomplikationen bleiben, wird zu
Recht gefordert, dass derartiges untersucht wird, bevor ein neues Behandlungsverfahren
breit und unter Routinebedingungen eingesetzt wird. Und es bedarf keiner
großen Fantasie, sich derartige Behandlungsfolgen einfallen zu lassen.
Hier nur ein Beispiel: Wenn bei einem Patienten mit Osteoporose ein Wirbel
brach, dann geschah dieses weil der Wirbel seine Festigkeit durch Verlust
an Knochensubstanz verlor. Dabei ist davon auszugehen, dass die Nachbarwirbel
grundsätzlich in gleicher Weise vorgeschädigt sind. Knochenzement ist nach
Aushärtung weitgehend unelastisch.
Hierdurch werden die biomechanischen Verhältnisse in der Region des behandelten
Wirbels geändert und es ist vorstellbar, dass hierdurch die Nachbarwirbel
noch leichter brechen könnten als sie es ohnehin schon können. Nachdem grundsätzlich
nach Wirbelbruch das Risiko weiterer Brüche angehoben ist, lässt sich, wenn
dergestalt ein weiterer Wirbel bricht, nicht unterscheiden, ob dieses Krankheitsfolge
oder Behandlungsfolge ist.
Nun soll keineswegs in Abrede gestellt werden, dass eine Vertebro- oder Kyphoplastie
bei einzelnen Patienten segensreich sein könnte. Nur, legt man moderne Richtlinien
der Prüfung von Wirkungen und Nebenwirkungen zugrunde, so muss dieses noch
als ungesichert eingestuft werden.
Besonders verärgert bei den Bemühungen der Anbieter dieser Methoden, dieselben
per Pressemitteilung in die Öffentlichkeit zu bringen, also quasi auf den
Marktplatz der Behandlungsverfahren zu tragen, besonders, wenn diese Mitteilungen
mit der Aussage verknüpft werden, bisher habe man die Osteoporose nicht behandeln
können und hier stünde erstmals eine wirksame Therapie zur Verfügung.
Dies ist falsch, denn gerade während der vergangenen zehn Jahre sind große
Fortschritte bei der Behandlung der Osteoporose möglich geworden. Es ist
zu hoffen, dass mit den Verfahren der Vertebro- oder Kyphoplastie das Behandlungsarsenal
zukünftig erweitert werden kann. Bevor dies jedoch der Fall sein kann, müssen
diejenigen, die diese Verfahren zur Anwendung bringen wollen, zunächst ihre
Hausaufgaben machen und wissenschaftlich untermauern, was sie heute schon
hoffen. Sonst müssen sie es sich gefallen lassen, dass die Seriosität ihres
Angebotes zur Diskussion gestellt wird.
|